|
|
Home Archiv Edgar Knecht - Es freit ein wilder Wassermann |
|
Edgar Knecht - Es freit ein wilder Wassermann |
|
Von Rolf Thomas
Bild: D.Ketz, M.Roggo
»Ich habe klassisches Klavier studiert«, erzählt der Kasseler Pianist,
»danach den Salsa für mich entdeckt und lange Zeit Latin-Jazz gespielt.
Das hat mir auch viel Spaß gemacht - und doch musste ich nach einiger
Zeit feststellen, dass diese Musikstile auf Wurzeln rekurrieren, die
nicht meine sind. Klar kann man die Musik lernen und da reinwachsen und
sich einfühlen. Aber wenn ein Kubaner diese Musik spielt, ist es
trotzdem etwas völlig anderes.«
Kraftschluss
Diese Erkenntnis hat bei Knecht Entdeckungsprozesse ins Ich ausgelöst,
die Frage, was ihn als Musiker eigentlich ausmacht. »Wo bleibt meine
eigene Authentizität?«, formuliert er die Ausgangsfrage. »Meine
Großeltern, aber auch meine Mutter haben mir noch Volkslieder und
Balladen vorgesungen, das war in meiner Familie, als ich noch ein Kind
war, durchaus präsent. Da wurde auch beim Wandern gesungen. Außerdem bin
ich vor einigen Jahren selbst Vater geworden. Da wird man dann
automatisch mit seiner eigenen Kindheit konfrontiert und man fängt an,
Schlaflieder auszugraben, die einem selbst als Kind vorgesungen wurden.
Irgendwann habe ich gemerkt, dass das meine Wurzeln sind. Da komme ich
her. Plötzlich schließt sich all das, was ich bisher gemacht habe,
zusammen. Das stärkste Bild, das ich dafür habe, ist wirklich, dass es
ein emotionaler Kraftschluss war.«
Doch bis zu dem Trio, das auf Good Morning Lilofee zu hören ist,
dem Album also, das der Neuorientierung folgte, war es trotzdem noch ein
weiter Weg. »Ich habe lange solo gearbeitet«, erzählt Edgar Kecht. »Das
war auch recht erfolgreich und meine Bearbeitungen von Volksliedern
sind auch immer gut angekommen. Aber irgendwann wollte ich das auch mit
anderen Musikern machen, und da ist ein Trio erst einmal das
Naheliegendste.« Mit Stephan Emig am Schlagzeug und Andreas Nowak am
Bass waren die passenden Musiker schnell gefunden, und als Nowak nach
New York ging, entdeckte Knecht in Rolf Denecke einen hervorragenden
Ersatz. In dieser Besetzung ist das Trio nun zu einer glänzenden Einheit
zusammengewachsen.
Mit dem Opener »Heißes Kathreinerle« (Originaltitel: »Heißa
Kathreinerle«) geht das Album rasant los; die klassische Vorbildung
Knechts ist deutlich zu erkennen, und trotzdem swingt die Nummer
höllisch. Mit dem zweiten Titel »Nachts um 3/4«, der nicht auf
Volksliedthemen basiert, kommt der Gastperkussionist Tobias Schulte
hinzu. Er bringt eine Menge exotische Klangfarben ins Spiel - u.a. die
aus Nigeria stammende Udu aus gebranntem Ton, die vom Aussehen her an
eine Blumenvase mit einem Loch erinnert -, die deutlich machen, dass es
Knecht nicht um Deutschtümelei geht: »Das soll eigentlich schon der
Titel der CD ausdrücken. ›Good Morning‹ steht für meine Lust, diese
Songs mit dem Duft von frischen musikalischen Ideen aus ihrem
Dornröschenschlaf zu wecken.«
Doch was kann man aus einer schwermütigen Ballade wie »Es war ein König
in Thule« (1774) machen – außer eine andere schwermütige Ballade? Das
Gedicht von Goethe, von Carl Friedrich Zelter (1758-1832) vertont, hat
ziemlich schnell seinen heutigen Volksliedcharakter angenommen. Knecht
geht damit zunächst den naheliegenden Weg und stellt das Thema in
strenger Form vor. Doch danach traut man seinen Ohren kaum: Das Tempo
ändert sich urplötzlich, Denecke und Emig folgen dem Pianisten in alle
Verästelungen und rhythmischen Verschiebungen, grooven und fliegen
dahin, und das Thema blitzt in veränderter Form an allen möglichen und
unmöglichen Stellen hervor.
»Der Dreivierteltakt, in dem die Ballade wie so manches andere Volkslied
auch gehalten ist, ist schon etwas sehr Deutsches«, findet Edgar
Knecht. »Man spricht ja auch vom deutschen Walzer und deutschen Tanz,
Schubert ist da so etwas wie ein Paradebeispiel. Ich habe nun diesen
Dreivierteltakt mit einem afrikanischen Sechsachteltakt kombiniert,
woraus sich ein ganz anderes Feeling ergibt. Was ich bei diesem Stück
noch versucht habe, lässt sich eigentlich auf meine klassischen
Vorlieben zurückführen. Einer meiner Favoriten ist Beethoven. Der hat
ganz oft Motive aufgenommen und sie weiterentwickelt. Das habe ich bei
›Thule‹ auch versucht und diese Motive in viele Stimmungen und
emotionale Bereiche geführt und moduliert. Also eigentlich eine
klassische Kompositionstechnik, kombiniert mit avancierter Rhythmik.«
Älter als die Nazis
»Maria« basiert auf dem Lieblingslied von Knechts verstorbener
Schwester, »Maria durch ein Dornwald ging«. Die eigenwilligen Harmonien
des Liedes werden vom Trio sehr getragen, fast pathetisch gespielt, was
dem Stück aber sehr gut steht. Der gestrichene Bass spielt eine wichtige
Rolle, außerdem kommt Cellist Wolfram Geiss als Gast hinzu. Der »Valse
Bleu« variiert wiederum thematische Motive im Dreivierteltakt, wobei das
Schlagzeug im Verlauf des Stücks von einem scheppernden Rhythmusgerät
übernommen wird. »Ich war früher sehr fasziniert von Computertechnik«,
erklärt Knecht, »und habe auch viel mit elektronischen Elementen
gearbeitet. Da es mir ja auch darum ging, archaische Themen in die
Gegenwart zu überführen, habe ich auch Loops entwickelt und mit
verschiedenen Programmen gearbeitet. Bei diesem Stück fand ich es toll:
Die Electronics klingen nicht statisch. Bei vielen anderen Stücken haben
wir sie aber weggelassen, weil wir festgestellt haben, dass die
akustischen Klänge eigentlich vielseitig genug sind.«
In der Tat. So hört sich »Simsala« synkopiert funky an, »Froh ...«
klingt nach einem lyrischen Intro erfrischend munter und das
abschließende »Schlaf« herrlich schwelgerisch. Dafür, dass sich deutsche
Jazzmusiker - von wenigen Ausnahmen wie beispielsweise Dieter Ilg, dem
Zentralquartett oder Tine Kindermann abgesehen - nur selten mit
deutschen Volksliedern beschäftigen, hat Knecht eine Erklärung: »Das ist
in Deutschland einfach immer noch ein heikles Thema. Nach den Nazis war
einfach alles, was das Wort Volk beinhaltete, verbrannt. Mittlerweile
ist hoffentlich eine Distanz dazu da. Aber man muss das einfach trennen:
Die Lieder sind ja viel älter als die Nazis und von ihnen missbraucht
worden. Es sind ja ganz archaische Themen, die da verhandelt werden,
Liebe, Tod und Freude. Ich hatte anfangs auch Ressentiments, das muss
ich schon zugeben. Aber wir versuchen ja, diese Lieder in die Gegenwart
zu holen, und die Reaktionen des Publikums sind eigentlich nur
erfreulich. Viele sind einfach begeistert, mal wieder auf diese Lieder
zu stoßen.«
Mit seiner Vorgehensweise ist es Edgar Knecht gelungen, die Lieder im
21. Jahrhundert ankommen zu lassen. Wer sich immer noch fragt, wer denn
diese Lilofee im Titel des Albums eigentlich ist, möge sich, wenn er/sie
kann, an das Volkslied »Es freit ein wilder Wassermann« erinnern. Oder
es googeln.
Aktuelles Album:
Edgar Knecht: Good Morning Lilofee (Ozella / Galileo)
|
|
|
|