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Montag, 11. Oktober 2010

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Edgar Knecht - Es freit ein wilder Wassermann E-Mail
Von Rolf ThomasEdgar Knecht - Es freit ein wilder Wassermann
Bild: D.Ketz, M.Roggo

»Ich habe klassisches Klavier studiert«, erzählt der Kasseler Pianist, »danach den Salsa für mich entdeckt und lange Zeit Latin-Jazz gespielt. Das hat mir auch viel Spaß gemacht - und doch musste ich nach einiger Zeit feststellen, dass diese Musikstile auf Wurzeln rekurrieren, die nicht meine sind. Klar kann man die Musik lernen und da reinwachsen und sich einfühlen. Aber wenn ein Kubaner diese Musik spielt, ist es trotzdem etwas völlig anderes.«

Kraftschluss

Diese Erkenntnis hat bei Knecht Entdeckungsprozesse ins Ich ausgelöst, die Frage, was ihn als Musiker eigentlich ausmacht. »Wo bleibt meine eigene Authentizität?«, formuliert er die Ausgangsfrage. »Meine Großeltern, aber auch meine Mutter haben mir noch Volkslieder und Balladen vorgesungen, das war in meiner Familie, als ich noch ein Kind war, durchaus präsent. Da wurde auch beim Wandern gesungen. Außerdem bin ich vor einigen Jahren selbst Vater geworden. Da wird man dann automatisch mit seiner eigenen Kindheit konfrontiert und man fängt an, Schlaflieder auszugraben, die einem selbst als Kind vorgesungen wurden. Irgendwann habe ich gemerkt, dass das meine Wurzeln sind. Da komme ich her. Plötzlich schließt sich all das, was ich bisher gemacht habe, zusammen. Das stärkste Bild, das ich dafür habe, ist wirklich, dass es ein emotionaler Kraftschluss war.«

Doch bis zu dem Trio, das auf Good Morning Lilofee zu hören ist, dem Album also, das der Neuorientierung folgte, war es trotzdem noch ein weiter Weg. »Ich habe lange solo gearbeitet«, erzählt Edgar Kecht. »Das war auch recht erfolgreich und meine Bearbeitungen von Volksliedern sind auch immer gut angekommen. Aber irgendwann wollte ich das auch mit anderen Musikern machen, und da ist ein Trio erst einmal das Naheliegendste.« Mit Stephan Emig am Schlagzeug und Andreas Nowak am Bass waren die passenden Musiker schnell gefunden, und als Nowak nach New York ging, entdeckte Knecht in Rolf Denecke einen hervorragenden Ersatz. In dieser Besetzung ist das Trio nun zu einer glänzenden Einheit zusammengewachsen.

Mit dem Opener »Heißes Kathreinerle« (Originaltitel: »Heißa Kathreinerle«) geht das Album rasant los; die klassische Vorbildung Knechts ist deutlich zu erkennen, und trotzdem swingt die Nummer höllisch. Mit dem zweiten Titel »Nachts um 3/4«, der nicht auf Volksliedthemen basiert, kommt der Gastperkussionist Tobias Schulte hinzu. Er bringt eine Menge exotische Klangfarben ins Spiel - u.a. die aus Nigeria stammende Udu aus gebranntem Ton, die vom Aussehen her an eine Blumenvase mit einem Loch erinnert -, die deutlich machen, dass es Knecht nicht um Deutschtümelei geht: »Das soll eigentlich schon der Titel der CD ausdrücken. ›Good Morning‹ steht für meine Lust, diese Songs mit dem Duft von frischen musikalischen Ideen aus ihrem Dornröschenschlaf zu wecken.«

Doch was kann man aus einer schwermütigen Ballade wie »Es war ein König in Thule« (1774) machen – außer eine andere schwermütige Ballade? Das Gedicht von Goethe, von Carl Friedrich Zelter (1758-1832) vertont, hat ziemlich schnell seinen heutigen Volksliedcharakter angenommen. Knecht geht damit zunächst den naheliegenden Weg und stellt das Thema in strenger Form vor. Doch danach traut man seinen Ohren kaum: Das Tempo ändert sich urplötzlich, Denecke und Emig folgen dem Pianisten in alle Verästelungen und rhythmischen Verschiebungen, grooven und fliegen dahin, und das Thema blitzt in veränderter Form an allen möglichen und unmöglichen Stellen hervor.

»Der Dreivierteltakt, in dem die Ballade wie so manches andere Volkslied auch gehalten ist, ist schon etwas sehr Deutsches«, findet Edgar Knecht. »Man spricht ja auch vom deutschen Walzer und deutschen Tanz, Schubert ist da so etwas wie ein Paradebeispiel. Ich habe nun diesen Dreivierteltakt mit einem afrikanischen Sechsachteltakt kombiniert, woraus sich ein ganz anderes Feeling ergibt. Was ich bei diesem Stück noch versucht habe, lässt sich eigentlich auf meine klassischen Vorlieben zurückführen. Einer meiner Favoriten ist Beethoven. Der hat ganz oft Motive aufgenommen und sie weiterentwickelt. Das habe ich bei ›Thule‹ auch versucht und diese Motive in viele Stimmungen und emotionale Bereiche geführt und moduliert. Also eigentlich eine klassische Kompositionstechnik, kombiniert mit avancierter Rhythmik.«

Älter als die Nazis

»Maria« basiert auf dem Lieblingslied von Knechts verstorbener Schwester, »Maria durch ein Dornwald ging«. Die eigenwilligen Harmonien des Liedes werden vom Trio sehr getragen, fast pathetisch gespielt, was dem Stück aber sehr gut steht. Der gestrichene Bass spielt eine wichtige Rolle, außerdem kommt Cellist Wolfram Geiss als Gast hinzu. Der »Valse Bleu« variiert wiederum thematische Motive im Dreivierteltakt, wobei das Schlagzeug im Verlauf des Stücks von einem scheppernden Rhythmusgerät übernommen wird. »Ich war früher sehr fasziniert von Computertechnik«, erklärt Knecht, »und habe auch viel mit elektronischen Elementen gearbeitet. Da es mir ja auch darum ging, archaische Themen in die Gegenwart zu überführen, habe ich auch Loops entwickelt und mit verschiedenen Programmen gearbeitet. Bei diesem Stück fand ich es toll: Die Electronics klingen nicht statisch. Bei vielen anderen Stücken haben wir sie aber weggelassen, weil wir festgestellt haben, dass die akustischen Klänge eigentlich vielseitig genug sind.«

In der Tat. So hört sich »Simsala« synkopiert funky an, »Froh ...« klingt nach einem lyrischen Intro erfrischend munter und das abschließende »Schlaf« herrlich schwelgerisch. Dafür, dass sich deutsche Jazzmusiker - von wenigen Ausnahmen wie beispielsweise Dieter Ilg, dem Zentralquartett oder Tine Kindermann abgesehen - nur selten mit deutschen Volksliedern beschäftigen, hat Knecht eine Erklärung: »Das ist in Deutschland einfach immer noch ein heikles Thema. Nach den Nazis war einfach alles, was das Wort Volk beinhaltete, verbrannt. Mittlerweile ist hoffentlich eine Distanz dazu da. Aber man muss das einfach trennen: Die Lieder sind ja viel älter als die Nazis und von ihnen missbraucht worden. Es sind ja ganz archaische Themen, die da verhandelt werden, Liebe, Tod und Freude. Ich hatte anfangs auch Ressentiments, das muss ich schon zugeben. Aber wir versuchen ja, diese Lieder in die Gegenwart zu holen, und die Reaktionen des Publikums sind eigentlich nur erfreulich. Viele sind einfach begeistert, mal wieder auf diese Lieder zu stoßen.«

Mit seiner Vorgehensweise ist es Edgar Knecht gelungen, die Lieder im 21. Jahrhundert ankommen zu lassen. Wer sich immer noch fragt, wer denn diese Lilofee im Titel des Albums eigentlich ist, möge sich, wenn er/sie kann, an das Volkslied »Es freit ein wilder Wassermann« erinnern. Oder es googeln.


Aktuelles Album:
Edgar Knecht: Good Morning Lilofee (Ozella / Galileo)